Sprache & Kultur
Aura, Rizz & Co.
Warum Jugendsprache viel mehr ist als eine Sammlung neuer Wörter

Jugendsprache ist Sprache in Bewegung. Sie schafft Nähe, verhandelt Zugehörigkeit und verändert sich in digitalen Räumen manchmal schneller, als Erwachsene folgen können.
Worum geht’s?
„Plus 1000 Aura.“ „Der hat Rizz.“ Und während Erwachsene gerade gelernt haben, was ein Begriff bedeutet, ist er für manche Jugendliche vielleicht schon wieder komplett durch.
Jugendsprache verändert sich ständig. Digitale Plattformen beschleunigen diese Entwicklung zusätzlich: Begriffe entstehen in bestimmten Communities, werden in Videos und Memes aufgegriffen, verändert und verbreiten sich teilweise innerhalb kurzer Zeit weit über ihren ursprünglichen Kontext hinaus.
Aura beschreibt in der aktuellen Jugendsprache die Ausstrahlung oder den Eindruck einer Person. Besonders beliebt ist die spielerische Vorstellung von „Aura-Punkten“: Ein cooler Moment bringt Aura, ein peinlicher kann sie kosten. 2024 wurde „Aura“ bei der Langenscheidt-Abstimmung zum deutschen Jugendwort des Jahres gewählt.
Rizz steht für Charme oder die Fähigkeit, eine andere Person für sich zu gewinnen. Der Ausdruck verbreitete sich stark in der Online- und Jugendkultur und wurde 2023 von Oxford zum Word of the Year gewählt.
Aber eigentlich sind die Übersetzungen gar nicht das Interessanteste.
Was erleben junge Menschen?
Jugendsprache benennt nicht einfach dieselben Dinge mit neuen Wörtern. Sie kann Humor erzeugen, Nähe herstellen oder zeigen: Ich verstehe die Referenz. Ich kenne den Code.
Forschung zu digitaler Jugendsprache zeigt, dass Slang in Peergruppen verschiedene soziale Funktionen übernehmen kann. Junge Menschen nutzen solche Begriffe beispielsweise, um Humor oder Anerkennung auszudrücken, Zugehörigkeit zu zeigen, Identität auszuhandeln oder auch soziale Grenzen zu markieren. Erste Untersuchungen zu TikTok-Slang zeigen diese Funktionen auch bei Begriffen wie „rizz“, „cringe“ oder „flex“.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Jugendwort für alle Jugendlichen dieselbe Bedeutung hat oder überhaupt von allen verwendet wird. Gerade Jugendsprache lebt davon, dass sie sich zwischen Gruppen, Situationen und digitalen Räumen verändert. Ein Wort kann deshalb mehr transportieren als seine reine Definition.
Was steckt dahinter?
Eigene sprachliche Ausdrucksformen junger Menschen gab es lange vor TikTok. Digitale Plattformen verändern aber die Geschwindigkeit und die Wege, auf denen Sprache zirkuliert. Ein Ausdruck kann aus einer bestimmten Online-Community kommen, in Videos aufgegriffen, zum Meme werden und anschließend in völlig anderen Zusammenhängen weiterleben.
Dabei verändern sich auch Bedeutungen. Begriffe werden ironisch benutzt, neu kombiniert oder irgendwann gerade deshalb nicht mehr verwendet, weil plötzlich alle Erwachsenen wissen, was sie bedeuten.
Bei „Aura“ lässt sich ein Teil dieser Entwicklung gut nachvollziehen. Langenscheidt beschreibt, wie der Ausdruck zunächst unter anderem im Sportkontext auftauchte und später in der Jugendsprache spielerisch auf Ausstrahlung und Status übertragen wurde. Social Media spielte bei der Verbreitung der Jugendwort-Kandidaten eine zentrale Rolle.
Jugendsprache funktioniert deshalb nur begrenzt wie ein Wörterbuch, das Erwachsene einmal lernen und anschließend beherrschen können. Sie ist Sprache in Bewegung. Und sie kann gleichzeitig verbinden und abgrenzen. Wer bestimmte Referenzen versteht, kann damit Zugehörigkeit zeigen. Wer sie nicht versteht, merkt manchmal ziemlich schnell, dass gerade eine Sprache gesprochen wird, die nicht unbedingt für alle gedacht ist. Forschung zu TikTok-Slang beschreibt genau solche Funktionen für Gruppenzugehörigkeit, Peerbeziehungen und soziale Positionierung.
Was bedeutet das für Pädagogik?
Erwachsene müssen nicht anfangen, im Lehrerzimmer Aura-Punkte zu verteilen. Jugendsprache ernst zu nehmen bedeutet auch nicht, sie möglichst authentisch nachzuahmen.
Viel interessanter ist, Sprache als einen Teil der Lebenswelt junger Menschen wahrzunehmen. Denn wenn Kinder und Jugendliche neue Begriffe verwenden, passiert manchmal mehr als nur ein Wechsel des Vokabulars. Sprache kann Zugehörigkeit herstellen, Humor transportieren, Identität ausdrücken und soziale Grenzen markieren.
Gleichzeitig können Begriffe natürlich auch abwerten, verletzen oder diskriminierende Bedeutungen transportieren. Die Bedeutung ergibt sich deshalb nicht allein aus dem Wort, sondern auch aus Kontext, Beziehung und Art der Verwendung.
Vielleicht müssen Erwachsene deshalb gar nicht immer als Erste wissen, was ein neuer Begriff bedeutet. Manchmal reicht zunächst ehrliche Neugier: „Okay – und was bedeutet das bei euch?“
Autorin
Maria Fatoumatta Bremer
Quellen & Weiterlesen
Prodanovska-Poposka, V. (2025). The Pragmatic Functions of TikTok Slang in Adolescent Identity Construction and Peer Relationships. PALIMPSEST, 10(20).
Untersuchung zu TikTok-Slang und seinen Funktionen für Identität, Zugehörigkeit und Peerbeziehungen.
Oxford University Press (2023). Rizz crowned Oxford Word of the Year 2023.
Zur Bedeutung und Verbreitung von „Rizz“.
PONS Langenscheidt (2024). Jugendwort des Jahres 2024 – „Aura“ hat gewonnen.
Zur Bedeutung, Verwendung und Entwicklung von „Aura“ in der deutschen Jugendsprache.
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