Digitale Welten
Brainrot
Warum feiern junge Menschen Content, der absichtlich keinen Sinn ergibt?

Skibidi Toilet, absurde Memes, Sounds ohne erkennbaren Sinn: Brainrot sieht von außen wie bedeutungsloser Content aus. Ein Blick darauf, was dahintersteckt und warum gerade das Sinnlose Teil des Sinns sein kann.
Worum geht’s?
Skibidi Toilet, absurde Figuren, überdrehte Videos, wiederkehrende Sounds und Memes, deren Sinn sich Außenstehenden manchmal auch nach fünf Erklärungsversuchen nicht erschließt: Willkommen bei Brainrot.
Der Begriff wird heute für vermeintlich minderwertige, triviale oder bewusst absurde Online-Inhalte verwendet, aber auch für das Gefühl, nach zu viel davon selbst ein bisschen „Brainrot“ zu haben.
Dabei ist der Ausdruck viel älter als TikTok. Oxford dokumentiert die erste bekannte Verwendung bereits 1854 bei Henry David Thoreau. Seine heutige Bedeutung wurde vor allem in digitalen Räumen populär. Besonders Gen-Z- und Gen-Alpha-Communities haben den Begriff über Social Media aufgegriffen und weiterverbreitet.
2024 wurde „brain rot“ zum Oxford Word of the Year gewählt. Ein Jahr später wurde der Begriff in das Oxford English Dictionary aufgenommen.
Aber warum ist ausgerechnet Content erfolgreich, der manchmal gerade davon lebt, möglichst wenig Sinn zu ergeben?
Was erleben junge Menschen?
Von außen kann Brainrot schnell wie schlechter oder schlicht sinnloser Content aussehen. Für junge Menschen kann dahinter aber mehr stecken.
Brainrot kann Humor sein, Insiderwissen und gemeinsame Sprache. Wer versteht, warum etwas lustig ist, versteht nicht nur das Meme, sondern möglicherweise auch eine Referenz, die andere in der eigenen Gruppe ebenfalls kennen.
Erste Forschung speziell zu Brainrot liefert Hinweise auf genau solche Funktionen. Eine qualitative Studie aus dem Jahr 2026 beschreibt Brainrot unter anderem als Unterhaltung, Möglichkeit zur Entlastung von digitaler Reizüberflutung und Form sozialer Verbundenheit. Die Befragten beschrieben außerdem, wie gemeinsamer Brainrot-Humor Zugehörigkeit innerhalb ihrer Generation herstellen kann.
Die Forschenden schlagen dafür einen interessanten Gedanken vor: „Anti-Gratification“.
Gemeint ist die Idee, dass gerade Inhalte attraktiv sein können, die nichts erklären, nichts verbessern und keinen besonderen Nutzen versprechen. In digitalen Umgebungen voller Informationen, Werbung, Selbstoptimierung und Content, der ständig um Aufmerksamkeit konkurriert, kann gerade diese Bedeutungslosigkeit ihren eigenen Reiz entwickeln.
Das ist bislang ein Erklärungsansatz aus einer ersten qualitativen Untersuchung und kein allgemeingültiger Befund über junge Menschen.
Aber vielleicht ist gerade das eine interessante Spur:
Manchmal ist das Sinnlose ein Teil des Sinns.
Was steckt dahinter?
Der Name klingt dramatischer, als der Forschungsstand hergibt.
Oxford definiert „brain rot“ als einen wahrgenommenen Verlust geistiger oder kritischer Fähigkeiten beziehungsweise als Inhalte, denen eine solche Wirkung zugeschrieben wird. Das bedeutet nicht, dass ein Gehirn durch Memes oder kurze Videos tatsächlich „verrottet“. Oxford verweist ausdrücklich darauf, dass es keine Evidenz dafür gibt, dass Gehirne durch Smartphone- oder Social-Media-Nutzung direkt in diesem Sinne abbauen.
Damit ist die Frage nach digitaler Mediennutzung und Aufmerksamkeit allerdings nicht erledigt.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt Zusammenhänge zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und Unaufmerksamkeit sowie teilweise Impulsivität im Jugendalter. Dabei waren problematische Nutzungsmuster stärker mit entsprechenden Auffälligkeiten verbunden als allgemeine oder rein zeitbasierte Maße der Social-Media-Nutzung.
Wichtig ist aber, daraus nicht mehr zu machen, als die Forschung hergibt.
Viele der untersuchten Studien erfassen nur einen Zeitpunkt. Außerdem unterscheiden sie sich deutlich darin, wie Social-Media-Nutzung überhaupt gemessen wird. Deshalb lässt sich aus den gefundenen Zusammenhängen nicht einfach schließen, dass Social Media Aufmerksamkeitsprobleme verursacht.
Und noch wichtiger:
Diese Forschung untersucht Social-Media-Nutzung – nicht Brainrot.
Ob Brainrot-Content selbst Aufmerksamkeit oder Selbstregulation beeinträchtigt, lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Forschung speziell zu Brainrot steht noch ziemlich am Anfang. Die bisherige qualitative Untersuchung zeigt vor allem, dass das Phänomen nicht ausschließlich über mögliche negative Wirkungen verstanden werden kann. Sie beschreibt auch Humor, Eskapismus, gemeinsame Codes und soziale Verbundenheit als mögliche Funktionen dieser Inhalte.
Brainrot kann also gleichzeitig ziemlich bescheuert wirken – und trotzdem eine soziale oder kulturelle Bedeutung haben.
Was bedeutet das für Pädagogik?
Wenn Kinder und Jugendliche plötzlich „Skibidi“, „Ohio“ oder den neuesten Brainrot-Begriff durch den Klassenraum rufen, müssen Erwachsene nicht jeden Insider verstehen.
Interessant ist aber, was hinter solchen Phänomenen passiert.
Digitale Jugendkultur entwickelt eigene Sprache, Humor und Referenzen. Was von außen vollkommen bedeutungslos aussieht, kann innerhalb einer Gruppe eine andere Funktion haben. Erste Brainrot-Forschung zeigt beispielsweise, dass gemeinsamer absurder Humor auch mit sozialer Verbundenheit und dem Gefühl zusammenhängen kann, bestimmte kulturelle Codes miteinander zu teilen.
Das bedeutet nicht, jeden Internettrend automatisch gut finden zu müssen.
Fragen nach Aufmerksamkeit, Nutzungsgewohnheiten, Algorithmen und digitalem Wohlbefinden bleiben wichtig. Aber sie müssen nicht gegen die Perspektive junger Menschen ausgespielt werden.
Beides kann gleichzeitig passieren:
Digitale Jugendkultur ernst nehmen und digitale Medien kritisch betrachten.
Vielleicht muss die erste Frage deshalb gar nicht sein:
„Was soll dieser Quatsch?“
Sondern:
„Warum ist dieser Quatsch eigentlich so interessant?“
Autorin
Maria Fatoumatta Bremer
Quellen & Weiterlesen
Bhandari, A. et al. (2026). Making sense of nonsense: A qualitative investigation of how brainrot content serves generation Z’s media needs. Computers in Human Behavior: Artificial Humans, 7, 100255.
Qualitative Untersuchung zu den Funktionen von Brainrot, darunter Eskapismus, soziale Verbundenheit und „Anti-Gratification“.
Fabio, R. A. & Picciotto, G. (2026). The relationship between social media use and adolescent inattention and impulsivity: A systematic review. Research in Developmental Disabilities, 169, 105237.
Systematischer Forschungsüberblick zu Zusammenhängen zwischen Social-Media-Nutzung, Unaufmerksamkeit und Impulsivität im Jugendalter.
Oxford University Press (2025). Brain rot added to the Oxford English Dictionary.
Zur Definition und Begriffsgeschichte sowie zur Aufnahme in das Oxford English Dictionary.
Oxford University Press (2024). ‘Brain rot’ named Oxford Word of the Year 2024.
Zur aktuellen Verwendung und Verbreitung des Begriffs in digitaler Kultur.
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