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Gesellschaft & Diskriminierung

„Das war doch nur Spaß.“

Wenn Humor auf Kosten anderer geht

Cover des Artikels „Das war doch nur Spaß.“
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Ein Spruch fällt, einige lachen und jemand findet ihn überhaupt nicht lustig. Dann heißt es schnell: „War doch nur Spaß.“ Aber reicht eine harmlose Absicht aus, um einen Witz harmlos zu machen? Über diskriminierenden Humor, Gruppendynamiken und die Frage, was passiert, wenn jemand nicht mitlacht.

Worum geht’s?

Humor gehört zum Miteinander. Er kann verbinden, Spannungen lösen, Zugehörigkeit schaffen und manchmal dabei helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Aber Humor kann auch auf Kosten anderer funktionieren.

Ein Akzent wird nachgemacht. Eine rassistische Zuschreibung wird zur Pointe. Über einen Körper wird gelacht. Oder dieselbe Person wird immer wieder wegen einer bestimmten Eigenschaft aufgezogen.

Wird darauf hingewiesen, dass ein Spruch verletzend oder diskriminierend war, folgt nicht selten:

„Das war doch nur Spaß.“

Der Satz klingt zunächst wie eine Erklärung. Gleichzeitig kann er eine Auseinandersetzung beenden, bevor sie überhaupt begonnen hat. Denn plötzlich steht nicht mehr die Aussage im Mittelpunkt, sondern die Absicht der Person, die sie gemacht hat.

Wenn die Absicht zur Erklärung wird

„Ich wollte doch niemanden verletzen.“

Für die Einordnung einer Situation kann es durchaus eine Rolle spielen, was jemand beabsichtigt hat. Eine nicht-diskriminierende Absicht bedeutet aber nicht automatisch, dass eine Aussage keine diskriminierenden Bilder oder Zuschreibungen aufgreift.

Ein rassistischer Witz kann beispielsweise auf einem rassistischen Stereotyp beruhen, ohne dass die Person, die ihn erzählt, sich vorgenommen hat, jemanden rassistisch abzuwerten. Ebenso verschwindet eine sexistische Vorstellung nicht dadurch aus einer Pointe, dass sie als Spaß gemeint war.

Gerade darin liegt eine Besonderheit von Humor: Eine abwertende Aussage kann ausgesprochen und gleichzeitig durch die Rahmung als Witz auf Distanz gehalten werden.

Die Forschung verwendet dafür unter anderem den Begriff disparagement humor. Gemeint ist Humor, bei dem die Pointe durch die Herabsetzung, Abwertung oder Lächerlichmachung einer Person oder sozialen Gruppe entsteht.

Forschung zu diesem Humor zeigt, dass die humoristische Rahmung sozial bedeutsam sein kann. Ford und Kolleg*innen beschreiben im Rahmen der prejudiced norm theory, dass abwertender Humor unter bestimmten Bedingungen signalisieren kann, dass diskriminierende Reaktionen in einer Situation eher toleriert werden. Die Forschung spricht dabei nicht dafür, dass ein einzelner Witz Menschen einfach neue Vorurteile „einpflanzt“. Vielmehr geht es darum, wie Humor beeinflussen kann, ob bereits vorhandene Vorurteile oder Abwertungen in einer Situation als sozial akzeptabel erscheinen.

Deshalb greift die Frage „War das böse gemeint?“ bei diskriminierendem Humor zu kurz.

Sie sagt etwas über die Absicht aus. Noch nicht aber darüber, was in der Situation passiert.

Was steckt eigentlich in der Pointe?

Bei einem Witz lohnt sich deshalb manchmal ein zweiter Blick.

Worüber wird eigentlich gelacht? Welche Vorstellung muss man teilen oder zumindest kennen, damit die Pointe funktioniert?

Manche Witze funktionieren gerade deshalb, weil sie auf gesellschaftlich bekannten Bildern aufbauen: darüber, wie Frauen oder Männer angeblich sind, wie bestimmte Menschen sprechen, wer als intelligent gilt, welche Körper als ungewöhnlich wahrgenommen werden oder welcher Gruppe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden.

Das bedeutet nicht, dass jeder Witz über Unterschiede automatisch diskriminierend ist.

Entscheidend ist der Zusammenhang.

Ein Insider zwischen Freund*innen kann eine andere Bedeutung haben als derselbe Satz gegenüber einer Person, die regelmäßig zur Zielscheibe einer Gruppe wird. Auch die Beziehung zwischen den Beteiligten, die Situation und gesellschaftliche Machtverhältnisse können beeinflussen, welche Bedeutung Humor bekommt.

Die Frage nach der Pointe hilft deshalb, über die individuelle Absicht hinauszuschauen:

Welche Vorstellung wird hier eigentlich benutzt, damit der Witz funktioniert?

Humor passiert selten nur zwischen zwei Menschen

Besonders in Schulklassen, Freundeskreisen oder Gruppenchats gibt es meistens ein Publikum.

Jemand macht einen Spruch. Andere lachen. Eine Person schweigt. Vielleicht setzt jemand noch einen drauf. Vielleicht findet jemand die Situation unangenehm, möchte aber auch nicht die einzige Person sein, die etwas sagt.

Damit wird Humor zu einer Frage von Gruppendynamik.

Was passiert, wenn alle lachen?

Was passiert, wenn jemand widerspricht?

Und was lernt eine Gruppe darüber, was bei ihr als lustig oder akzeptabel gilt?

Eine Studie von Kelly Lynn Mulvey, Sally Palmer und Dominic Abrams untersuchte solche Dynamiken bei 256 Jugendlichen der achten und zehnten Klassenstufe in den USA. Den Jugendlichen wurden Situationen mit rassistischem Humor vorgelegt. Jugendliche, die diesen Humor ablehnten, erwarteten eher, dass Gleichaltrige eingreifen würden. Gleichzeitig gingen sie eher davon aus, dass Jugendliche, die eingreifen, anschließend von anderen ausgeschlossen werden könnten.

Der Befund macht sichtbar, warum die vermeintlich einfache Aufforderung „Dann sag doch einfach etwas“ zu kurz greifen kann.

Widerspruch findet ebenfalls innerhalb einer Gruppe statt und kann soziale Folgen haben.

Für die Bedeutung von Gruppendynamiken liefert das einen wichtigen Hinweis.

Wer muss eigentlich reagieren?

Wenn diskriminierender Humor thematisiert wird, landet die Aufmerksamkeit schnell bei der betroffenen Person:

Warum hat sie nichts gesagt?

Warum hat sie mitgelacht?

Warum hat sie nicht deutlich gemacht, dass sie das verletzt?

Dabei kann gerade die Gruppendynamik erklären, warum Menschen in solchen Situationen schweigen, mitlachen oder erst später sagen, dass sie etwas unangenehm fanden.

Die Verantwortung sollte deshalb nicht bei der Person liegen, die zum Gegenstand eines Witzes geworden ist.

Auch andere in der Gruppe haben Handlungsmöglichkeiten. Und Erwachsene tragen in pädagogischen Räumen eine besondere Verantwortung dafür, welche Grenzen gelten und wie reagiert wird, wenn diese überschritten werden.

Die interessantere Frage lautet deshalb nicht nur:

„Warum hast du nichts gesagt?“

Sondern:

„Was für ein Raum ist das, in dem es schwer sein kann, etwas zu sagen?“

Nicht jeder Humor über Diskriminierung ist diskriminierender Humor

Gleichzeitig wäre es zu einfach, aus all dem zu schließen, über Rassismus, Sexismus oder andere Formen von Diskriminierung dürfe nicht gelacht werden.

Humor kann gesellschaftliche Verhältnisse auch kritisieren, Widersprüche sichtbar machen oder dominante Vorstellungen umdrehen. Menschen können über eigene Erfahrungen scherzen oder Humor nutzen, um mit ihnen umzugehen.

Deshalb macht es einen Unterschied, worauf sich die Pointe richtet.

Macht sich ein Witz über Menschen lustig, die von Diskriminierung betroffen sind?

Oder macht er eine diskriminierende Vorstellung selbst lächerlich?

Kontext, Beziehungen und gesellschaftliche Positionen gehören zur Bedeutung eines Witzes dazu.

Was bedeutet das für Pädagogik?

Wenn nach einem diskriminierenden Spruch „Das war doch nur Spaß“ gesagt wird, muss die Absicht nicht das letzte Wort haben.

Statt ausschließlich danach zu fragen, wie etwas gemeint war, lässt sich gemeinsam genauer hinschauen:

Was war die Pointe?

Welche Vorstellung über eine Person oder Gruppe steckt darin?

Wer konnte darüber lachen und wer wurde zum Gegenstand des Witzes?

Was passiert in der Gruppe, wenn jemand widerspricht?

Damit verändert sich auch die pädagogische Perspektive. Es geht nicht nur um die Person, die einen Spruch gemacht hat, und genauso wenig allein um die Person, die davon betroffen war.

Auch die Gruppe und die Erwachsenen im Raum prägen mit, was als normal, lustig oder akzeptabel gilt.

Humor muss deshalb nicht aus pädagogischen Räumen verschwinden. Im Gegenteil: Gemeinsam lachen, albern sein und sich gegenseitig aufziehen kann ein wichtiger Teil von Beziehungen sein.

Entscheidend ist auch, was passiert, wenn jemand nicht mehr mitlacht.

Denn ein „Ich fand das nicht lustig“ muss nicht das Ende von Humor sein.

Es kann der Anfang davon sein, genauer hinzuschauen.

Autorin

Maria Fatoumatta Bremer

Quellen & Weiterlesen

  1. Ferguson, M. A. & Ford, T. E. (2008). Disparagement humor: A theoretical and empirical review of psychoanalytic, superiority, and social identity theories. HUMOR, 21(3), 283–312.

    Forschungsüberblick zu abwertendem Humor und verschiedenen Erklärungsansätzen für seine soziale und psychologische Funktion.

  2. Ford, T. E., Richardson, K. & Petit, W. E. (2015). Disparagement humor and prejudice: Contemporary theory and research. HUMOR, 28(2), 171–186.

    Der Forschungsüberblick ist insbesondere für die prejudiced norm theory und die Unterscheidung wichtig, dass abwertender Humor nicht einfach neue Vorurteile erzeugt, aber unter bestimmten Bedingungen den Ausdruck vorhandener Vorurteile erleichtern kann.

  3. Mulvey, K. L., Palmer, S. B. & Abrams, D. (2016). Race-Based Humor and Peer Group Dynamics in Adolescence: Bystander Intervention and Social Exclusion. Child Development, 87(5), 1379–1391. DOI: 10.1111/cdev.12600.

    Die Studie untersucht bei 256 Jugendlichen die Bewertung rassistischen Humors sowie Erwartungen an Eingreifen und sozialen Ausschluss innerhalb der Peergruppe.

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