Digitale Welten
Warum sieht das Leben der anderen online immer besser aus?
Über Vergleiche, perfekte Ausschnitte und das Gefühl, nicht mithalten zu können

Menschen vergleichen sich – das gab es schon vor Social Media. Aber online begegnen uns besonders viele, besonders ausgewählte Ausschnitte aus besonders vielen Leben. Ein Blick auf Vergleichsdruck, Körperbild und das, was Forschung dazu weiß.
Worum geht’s?
Die anderen sind im Urlaub.
Haben schönere Haut.
Mehr Freund*innen.
Bessere Klamotten.
Sind auf Partys, während man selbst zu Hause sitzt.
Und irgendwie scheint bei allen ständig etwas zu passieren.
Natürlich wissen viele junge Menschen, dass Social Media nicht das ganze Leben zeigt. Trotzdem können die Bilder und Geschichten anderer etwas mit uns machen.
Denn Menschen vergleichen sich.
Das ist zunächst nichts Digitales und auch nichts Ungewöhnliches. Wir orientieren uns an anderen, um uns selbst einzuschätzen: Wie sehe ich aus? Wo stehe ich? Was können andere? Was scheint normal zu sein?
Social Media schafft dafür allerdings besondere Bedingungen. Innerhalb weniger Minuten können uns dort sehr viele Menschen begegnen – und häufig sehen wir nicht ihren gewöhnlichsten Dienstag, sondern ausgewählte Momente.
Wir vergleichen unseren Alltag mit Ausschnitten aus dem Leben anderer.
Was erleben junge Menschen?
Ein Foto erzählt nicht, wie lange jemand davor überlegt hat, welches Bild hochgeladen wird.
Ein Urlaubsvideo zeigt vielleicht den Sonnenuntergang, aber nicht den Streit zehn Minuten vorher.
Und ein „Get ready with me“ beginnt möglicherweise schon mit Licht, Perspektive, Make-up und einer ziemlich bewussten Entscheidung darüber, was gezeigt werden soll.
Das macht diese Inhalte nicht automatisch falsch.
Menschen entscheiden auch außerhalb sozialer Medien, welche Seiten von sich sie anderen zeigen. Auf Social Media begegnen uns solche ausgewählten Darstellungen allerdings in großer Zahl direkt nebeneinander.
Qualitative Forschung zu den Erfahrungen Jugendlicher zeigt dabei ein widersprüchliches Bild: Social Media kann Verbindung, Unterhaltung und Möglichkeiten zur Selbstdarstellung bieten, gleichzeitig berichten Jugendliche aber auch von Vergleichsdruck und belastenden Erfahrungen. Ein systematischer Review von 19 qualitativen Studien macht gerade diese Gleichzeitigkeit sichtbar.
Besonders interessant wird es, wenn aus einem Vergleich ein Aufwärtsvergleich wird:
„Die andere Person hat etwas, kann etwas oder ist etwas, das ich gerne hätte.“
Das muss nicht automatisch schlecht sein. Andere Menschen können auch inspirieren oder motivieren.
Schwieriger kann es werden, wenn aus
„Das finde ich schön“
immer häufiger
„Warum bin ich nicht so?“
wird.
Was steckt dahinter?
Eine Studie mit 200 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren hat über zwei Wochen täglich untersucht, wie Social-Media-Nutzung, soziale Aufwärtsvergleiche und Wohlbefinden zusammenhängen.
Dabei zeigte sich sowohl zwischen verschiedenen Personen als auch innerhalb einzelner Personen über die Tage hinweg ein Zusammenhang: Mehr Social-Media-Nutzung ging mit stärkeren Aufwärtsvergleichen einher, und stärkere Aufwärtsvergleiche wiederum mit geringerem subjektivem Wohlbefinden.
Die statistischen Analysen waren mit der Annahme vereinbar, dass solche Vergleiche einen Teil des Zusammenhangs zwischen Social-Media-Nutzung und Wohlbefinden erklären können.
Das ist interessant.
Es bedeutet aber nicht:
Mehr Social Media = automatisch unglücklicher.
Auch eine solche Tagebuchstudie beweist keine einfache Kausalkette.
Und der größere Forschungsstand zu Social Media und Wohlbefinden im Jugendalter ergibt ohnehin ein komplexes Bild. Ein Umbrella Review über vorhandene Forschungsübersichten beschreibt sowohl Risiken als auch Chancen. Welche Zusammenhänge beobachtet werden, hängt unter anderem von persönlichen Voraussetzungen, der Art der Nutzung und Eigenschaften der jeweiligen Plattform ab.
Die interessantere Frage lautet deshalb vielleicht nicht:
„Ist Vergleichen schlecht?“
Sondern:
„Was passiert mit mir, wenn ich mich vergleiche?“
Wenn der eigene Körper zum Vergleich wird
Besonders intensiv untersucht werden soziale Vergleiche rund um Aussehen und Körper.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse wertete 83 Studien mit insgesamt mehr als 55.000 Teilnehmenden aus. Stärkere soziale Vergleiche auf Social Media gingen dabei im Durchschnitt mit mehr Sorgen um das eigene Körperbild und mehr Essstörungssymptomen sowie mit einem weniger positiven Körperbild einher.
Das sind Zusammenhänge.
Sie bedeuten nicht automatisch, dass der Vergleich auf Social Media die beobachteten Probleme verursacht.
Experimentelle Forschung liefert allerdings zusätzliche Hinweise darauf, dass das Betrachten idealisierter Körperdarstellungen das eigene Körperbild kurzfristig beeinflussen kann. Ein systematischer Review von 43 experimentellen Studien fand mehr Körperunzufriedenheit nach der Betrachtung idealisierter Bilder; Vergleiche des eigenen Aussehens mit den dargestellten Personen spielten dabei eine wichtige Rolle.
Für unseren Zusammenhang ist allerdings eine Einschränkung wichtig:
Die meisten dieser Experimente wurden mit jungen Erwachsenen durchgeführt, nicht mit Jugendlichen.
Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht einfach eins zu eins auf Kinder und Jugendliche übertragen.
Was die Forschung trotzdem deutlich macht:
Es lohnt sich, nicht nur danach zu fragen, wie lange jemand Social Media nutzt.
Sondern auch:
Was passiert während dieser Zeit?
Zwanzig Minuten mit Freund*innen schreiben sind etwas anderes als zwanzig Minuten, in denen das eigene Aussehen ständig mit anderen verglichen wird.
Aber wissen Jugendliche nicht, dass Social Media inszeniert ist?
Viele wissen sehr wohl, dass Menschen online auswählen, was sie zeigen.
Das verhindert Vergleiche aber nicht automatisch.
Wir können wissen, dass ein Foto besonders vorteilhaft aufgenommen wurde – und trotzdem denken:
„Warum sehe ich nicht so aus?“
Gleichzeitig wäre es falsch, junge Menschen als passive Opfer perfekter Onlinewelten darzustellen.
Sie gestalten selbst Inhalte, wählen aus, was sie teilen, interpretieren dasselbe Video unterschiedlich und nutzen soziale Medien für sehr verschiedene Dinge.
Genau deshalb greift auch die Vorstellung zu kurz, Social Media wirke auf alle Jugendlichen gleich. Die Forschung findet vielmehr unterschiedliche Erfahrungen und Zusammenhänge, abhängig von Nutzung, Person und Kontext.
Social Media ist deshalb nicht einfach eine riesige Vergleichsmaschine.
Aber es bietet sehr viele Gelegenheiten zum Vergleichen.
Und manche davon treffen uns stärker als andere.
Was bedeutet das für Pädagogik?
„Vergleich dich einfach nicht mit anderen“ klingt gut.
Funktioniert aber ungefähr so zuverlässig wie:
„Denk einfach nicht darüber nach.“
Interessanter ist es, Vergleiche überhaupt sichtbar zu machen.
Mit wem vergleiche ich mich gerade?
Was weiß ich eigentlich über diese Person?
Welchen Ausschnitt ihres Lebens sehe ich?
Und was passiert mit meinem Gefühl über mich selbst, nachdem ich diesen Content gesehen habe?
Dabei muss Medienbildung nicht jedes perfekt ausgeleuchtete Foto entlarven.
Es geht auch nicht darum, Jugendlichen zu erklären, dass online sowieso alles fake sei.
Ein Urlaubsfoto kann echt sein.
Ein schöner Moment kann echt sein.
Eine glückliche Situation kann echt sein.
Und trotzdem ist ein Ausschnitt nicht das Ganze.
Vielleicht ist genau das die wichtigere Perspektive:
Nicht ständig zu fragen, ob das Leben der anderen online echt ist.
Sondern sich manchmal zu fragen:
Warum fühlt sich mein eigenes Leben plötzlich schlechter an, nachdem ich es gesehen habe?
Autorin
Maria Fatoumatta Bremer
Quellen & Weiterlesen
Irmer, A. & Schmiedek, F. (2023). Associations between youth’s daily social media use and well-being are mediated by upward comparisons. Communications Psychology, 1, 12.
14-tägige Tagebuchstudie mit 200 10- bis 14-Jährigen zu Social-Media-Nutzung, Aufwärtsvergleichen und subjektivem Wohlbefinden.
Bonfanti, R. C., Melchiori, F., Teti, A., Albano, G., Raffard, S., Rodgers, R. & Lo Coco, G. (2025). The association between social comparison in social media, body image concerns and eating disorder symptoms: A systematic review and meta-analysis. Body Image, 52, 101841.
Meta-Analyse von 83 Studien zu Onlinevergleichen, Körperbild und Essstörungssymptomen.
Shankleman, M., Hammond, L. & Jones, F. W. (2021). Adolescent Social Media Use and Well-Being: A Systematic Review and Thematic Meta-synthesis. Adolescent Research Review, 6, 471–492.
Systematische Synthese von 19 qualitativen Studien zu den Erfahrungen Jugendlicher mit Social Media und Wohlbefinden.
Fassi, L. et al. (2024). Social Media Use and adolescents’ mental health and well-being: An umbrella review. Computers in Human Behavior Reports, 14, 100404.
Überblick über bestehende Reviews zu Risiken, Chancen und Einflussfaktoren von Social-Media-Nutzung im Jugendalter.
McComb, S. E. & Mills, J. S. (2022). How the Exposure to Beauty Ideals on Social Networking Sites Influences Body Image: A Systematic Review of Experimental Studies. Adolescent Research Review.
Review von 43 experimentellen Studien zu idealisierten Körperdarstellungen und Körperbild. Für die Einordnung wichtig: Nur zwei der eingeschlossenen Studien untersuchten Jugendliche; der überwiegende Teil der Evidenz stammt von jungen Erwachsenen.
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