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Digitale Welten

Mein Feed, meine Welt?

Wie Algorithmen mitentscheiden, was wir täglich sehen

Cover des Artikels Mein Feed, meine Welt?
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Zwei Menschen öffnen dieselbe App – und sehen völlig unterschiedliche Welten. Wie Empfehlungs- und Rankingalgorithmen Feeds sortieren, warum ein Feed sich wie „mein Feed“ anfühlt und was das für Pädagogik bedeutet.

Worum geht’s?

Zwei Menschen öffnen dieselbe App.

Die eine Person sieht Fußballclips, Memes und Gaming. Die andere bekommt Make-up, Beziehungsvideos und True Crime vorgeschlagen. Eine dritte landet plötzlich bei Lernvideos, politischen Debatten oder Katzen, die sich vor Gurken erschrecken.

Gleiche Plattform. Unterschiedliche Feeds.

Das ist kein Zufall. Viele soziale Plattformen nutzen Empfehlungs- und Rankingalgorithmen, um auszuwählen und zu sortieren, welche Inhalte einzelnen Nutzer*innen angezeigt werden. Dabei können zum Beispiel frühere Interaktionen, Suchanfragen, Interessen oder soziale Verbindungen eine Rolle spielen. Die genaue Funktionsweise unterscheidet sich zwischen Plattformen und ist von außen häufig nur begrenzt einsehbar.

Was im Feed erscheint, ist also keine neutrale Abbildung dessen, was online existiert, sondern eine algorithmisch sortierte Auswahl.

Und diese Auswahl kann für jede Person anders aussehen.

Was erleben junge Menschen?

Personalisierung kann ziemlich praktisch sein.

Wer sich für Fußball interessiert, möchte wahrscheinlich lieber Fußballvideos sehen als zwanzig Tutorials über Zimmerpflanzen. Wer eine bestimmte Musikrichtung mag, kann neue Künstler*innen entdecken. Und digitale Räume können jungen Menschen auch Zugang zu Interessen, Perspektiven und Communities ermöglichen, die sie in ihrem direkten Umfeld vielleicht weniger finden. Der wissenschaftliche Konsensbericht der National Academies betont entsprechend sowohl mögliche Risiken als auch Chancen sozialer Medien, etwa Gemeinschaft, Spaß und soziale Verbindung.

Gleichzeitig kann sich ein personalisierter Feed durch unser Verhalten verändern.

Aktuelle Algorithmus-Audits zeigen beispielsweise, dass Plattformen ihre Empfehlungen bereits nach kurzer Nutzung deutlich an unterschiedliche Verhaltenssignale anpassen können.

Das bedeutet nicht, dass ein Algorithmus einen Menschen wirklich „kennt“.

Aber er kann aus Verhalten Signale ableiten, die für weitere Empfehlungen relevant werden.

Was steckt dahinter?

Ein Empfehlungssystem versucht vereinfacht gesagt vorherzusagen:

Was könnte für diese Person als Nächstes relevant oder interessant sein?

Dafür können unterschiedliche Signale berücksichtigt werden: Was wird angesehen? Was wird geliked oder geteilt? Wonach wird gesucht? Mit welchen Accounts oder Themen interagiert jemand besonders häufig?

Auch scheinbar kleine Verhaltensweisen können eine Rolle spielen. Der Bericht der National Academies beschreibt beispielsweise, dass selbst die Zeit, die jemand bei einem Inhalt verweilt, für Rankingprozesse relevant sein kann.

Das Ergebnis kann sich ziemlich angenehm anfühlen:

„Wow, mein Feed versteht mich.“

Dass Personalisierung tatsächlich etwas mit dem Nutzungserlebnis macht, zeigt eine experimentelle TikTok-Studie. Als Nutzer*innen eine Woche lang einen weniger personalisierten Feed verwendeten, öffneten sie TikTok seltener und nutzten die App kürzer. Gleichzeitig beschrieben sie ihre Nutzung als kontrollierter – aber auch als weniger unterhaltsam.

Personalisierung ist also nicht bloß technischer Hintergrund.

Sie ist Teil davon, warum ein Feed sich überhaupt wie mein Feed anfühlen kann.

Aber verändert mein Feed auch mein Bild von der Welt?

Hier wird es komplizierter.

Wenn bestimmte Themen immer wieder auftauchen, kann leicht der Eindruck entstehen, sie seien besonders häufig oder relevant.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jeder personalisierte Feed Menschen in eine vollständig abgeschlossene „Filterblase“ sperrt.

Wie stark algorithmische Auswahl Wahrnehmung, Verhalten oder Wohlbefinden tatsächlich verändert, lässt sich wissenschaftlich nicht mit einer einfachen Wirkungskette beschreiben. Der Forschungsstand weist weiterhin wichtige Lücken auf – insbesondere bei langfristigen Wirkungen und der Frage nach Ursache und Wirkung.

Gut belegt ist dagegen etwas Grundsätzlicheres:

Algorithmen beeinflussen, welche Inhalte sichtbar werden und in welcher Reihenfolge sie erscheinen.

Wie relevant diese Auswahl bei sensiblen Inhalten werden kann, zeigt eine aktuelle Untersuchung zu Selbstverletzungsinhalten.

Unter Jugendlichen in England, die solchen Inhalten online begegnet waren, geschah dies häufig, ohne dass sie aktiv danach gesucht hatten. Algorithmische Feed-Empfehlungen waren dabei der am häufigsten berichtete Zugangsweg.

Wichtig ist aber:

Die Studie zeigt, wie Jugendliche mit solchen Inhalten in Kontakt kommen können. Sie beweist nicht, dass algorithmische Empfehlungen allein psychische Belastungen verursachen. Die beobachteten Zusammenhänge lassen keine einfache Aussage über Ursache und Wirkung zu.

Der Algorithmus macht nicht alles allein

Bei Gesprächen über Social Media klingt es manchmal, als säße irgendwo „der Algorithmus“ und entscheide vollständig darüber, was Menschen sehen und denken.

So einfach ist es nicht.

Nutzer*innen wirken selbst an ihrem Feed mit: durch Anschauen, Weiterscrollen, Suchen, Folgen, Liken, Teilen oder Kommentieren.

Gleichzeitig entscheiden Plattformen darüber, welche Signale ihre Systeme berücksichtigen, wie Inhalte sortiert werden und nach welchen Zielen Empfehlungssysteme optimiert sind.

Der Feed entsteht also in einem Zusammenspiel:

Wir reagieren auf Inhalte – und das System reagiert wiederum auf unser Verhalten.

Das macht die Frage nach Verantwortung interessanter als ein einfaches:

„Der Algorithmus ist schuld.“

Denn junge Menschen bewegen sich nicht völlig machtlos durch digitale Räume.

Aber sie bestimmen die Bedingungen dieser Räume auch nicht allein.

Was bedeutet das für Pädagogik?

Über Algorithmen zu sprechen bedeutet nicht, Kindern und Jugendlichen erklären zu müssen, wie ein komplexes Machine-Learning-Modell programmiert wird.

Eine viel grundlegendere Erkenntnis kann schon viel verändern:

Mein Feed ist nicht die Welt. Er ist eine Auswahl.

Daraus entstehen interessante Fragen:

Warum wird mir gerade so viel von diesem Thema angezeigt?

Sehen andere Menschen eigentlich dasselbe?

Was habe ich möglicherweise getan, damit mein Feed sich so entwickelt hat?

Und was sehe ich vielleicht gerade nicht?

Dabei geht es nicht darum, Algorithmen grundsätzlich als Manipulation zu erklären.

Personalisierung kann digitale Räume relevanter, unterhaltsamer und hilfreicher machen. Gleichzeitig bestimmt sie mit, welchen Ausschnitt dieser Räume einzelne Menschen zu sehen bekommen. Forschung zeigt entsprechend nicht einfach „Algorithmen sind gut“ oder „Algorithmen sind schlecht“, sondern ein wesentlich komplexeres Zusammenspiel von Plattformdesign, Inhalten, individuellen Voraussetzungen und Nutzung.

Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb gar nicht:

„Was ist in meinem Feed?“

Sondern:

„Warum ist genau das in meinem Feed?“

Autorin

Maria Fatoumatta Bremer

Quellen & Weiterlesen

  1. National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2024). Social Media and Adolescent Health.

    Wissenschaftlicher Konsensbericht zu Social Media und Gesundheit im Jugendalter. Für diesen Artikel insbesondere relevant zu Empfehlungs- und Rankingalgorithmen, Plattformdesign sowie den Grenzen des bisherigen Forschungsstands.

  2. Dekker, C. A., Baumgartner, S. E. & Sumter, S. R. (2025). For you vs. for everyone: The effectiveness of algorithmic personalization in driving social media engagement. Telematics and Informatics, 101, 102300.

    Preregistrierte experimentelle Untersuchung dazu, wie sich TikTok-Nutzung bei geringerer Personalisierung verändert.

  3. Bear, H., Soneson, E., Geulayov, G. et al. (2026). Algorithmically driven exposure to online self-harm content and its association with broader psychosocial risk in 32,000 adolescents. Nature Mental Health, 4, 1416–1425.

    Untersuchung zu unterschiedlichen Wegen, über die Jugendliche mit Selbstverletzungsinhalten in Kontakt kommen.

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