Digitale Welten
Online dazugehören
Warum Gemeinschaft nicht an der Bildschirmkante endet

Gruppenchat, Discord-Server, gemeinsames Gaming: Zugehörigkeit findet heute auch digital statt. Warum Onlinefreundschaften keine zweitrangigen Freundschaften sind – und was digitale Ein- und Ausschlüsse für Pädagogik bedeuten.
Worum geht’s?
Eine Nachricht in der Klassengruppe. Ein gemeinsamer Discord-Server. Jeden Abend dieselben Leute im Game. Ein Insider, den nur fünf Personen verstehen. Eine Community, in der plötzlich andere Menschen dieselbe Erfahrung teilen wie man selbst.
Zugehörigkeit findet heute auch digital statt.
Das bedeutet nicht, dass Freundschaften einfach „ins Internet umgezogen“ sind. Vielmehr können Online- und Offlinekontakte ineinandergreifen. Beziehungen aus der Schule werden im Gruppenchat weitergeführt, gemeinsame Interessen bringen Menschen online zusammen und digitale Räume können Verbindungen ermöglichen, die im unmittelbaren Umfeld vielleicht gar nicht entstehen würden.
Forschung zu digitalen sozialen Beziehungen im Jugendalter zeigt entsprechend kein einfaches Bild von „online macht einsam“ oder „online verbindet“. Ein aktueller systematischer Review beschreibt vielmehr komplexe Zusammenhänge: Entscheidend ist unter anderem, welche Funktion digitale Beziehungen haben, wie sie erlebt werden und welche Qualität die sozialen Verbindungen besitzen.
Die interessantere Frage ist deshalb nicht:
Sind Onlinefreundschaften echte Freundschaften?
Sondern:
Wie entsteht Zugehörigkeit, wenn ein Teil unseres sozialen Lebens digital stattfindet?
Was erleben junge Menschen?
Online verbunden zu sein kann zunächst etwas sehr Alltägliches bedeuten.
Mit Freund*innen schreiben. Memes verschicken. Gemeinsam spielen. Wissen, was gerade in der Gruppe passiert. Nach der Schule ein Gespräch weiterführen, das morgens im Klassenraum begonnen hat.
Digitale Kommunikation kann bestehende Beziehungen dadurch ergänzen.
Sie kann aber auch neue Verbindungen ermöglichen. Gerade gemeinsame Interessen, Erfahrungen oder Fragen können online Menschen zusammenbringen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Für manche junge Menschen kann das eine besondere Bedeutung haben.
Ein systematischer Review mit LGBTQ+ Jugendlichen und jungen Erwachsenen findet Hinweise darauf, dass soziale Medien Räume für Kontakte zu anderen LGBTQ+ Personen, soziale Unterstützung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität bieten können. Gleichzeitig betonen die Forschenden die begrenzte Aussagekraft der bisherigen Studienlage und den Bedarf an stärkerer Längsschnittforschung.
Daran wird etwas Wichtiges sichtbar:
Zugehörigkeit hängt auch davon ab, wo Menschen andere finden können, die Erfahrungen, Interessen oder Fragen mit ihnen teilen.
Für jemanden kann das die eigene Klasse sein.
Für jemand anderen ein Sportverein.
Und manchmal eben eine Onlinecommunity.
Zugehörigkeit hat auch Codes
Gemeinschaft entsteht nicht nur dadurch, dass Menschen miteinander kommunizieren.
Gruppen entwickeln ihre eigenen Regeln, Witze, Sprache und Routinen.
Wer weiß, was im Gruppenchat gestern passiert ist, versteht heute vielleicht den Witz im Unterricht. Wer dasselbe Game spielt, kennt bestimmte Referenzen. Wer einen Trend versteht, kann mitreden.
Solche gemeinsamen Codes können Nähe herstellen.
Sie können aber gleichzeitig markieren, wer gerade nicht dazugehört.
Das ist keine Besonderheit des Internets. Gruppen haben schon immer Zugehörigkeit und Grenzen hergestellt. Digitale Räume schaffen dafür aber zusätzliche Möglichkeiten.
Ein Gruppenchat macht zum Beispiel ziemlich eindeutig sichtbar, wer hinzugefügt wurde – und wer nicht.
Ein Like kann Anerkennung ausdrücken.
Keine Antwort kann als Ignorieren erlebt werden.
Und manchmal findet sozialer Ausschluss direkt über die Funktionen einer Plattform statt.
Wenn online ausgeschlossen wird
Dass digitaler Ausschluss emotional bedeutsam sein kann, zeigen experimentelle Untersuchungen mit jüngeren Jugendlichen.
In einer Studie mit italienischen 10- bis 14-Jährigen erhielten die Teilnehmenden in einem simulierten sozialen Netzwerk entweder ähnlich viele Likes wie andere oder deutlich weniger. Diejenigen, die weniger Likes erhielten, berichteten anschließend stärkere negative Gefühle und eine stärkere Bedrohung grundlegender sozialer Bedürfnisse – darunter Zugehörigkeit und Selbstwert.
Natürlich ist ein Experiment mit Likes nicht dasselbe wie ein echter Konflikt im Klassenchat.
Aber es zeigt:
Digitale Signale von Ein- und Ausschluss können emotional etwas auslösen.
Auch das Herauswerfen aus Gruppenchats wird inzwischen untersucht. In einer Studie mit Jugendlichen hing die Erfahrung, gegen den eigenen Willen aus einer relevanten WhatsApp-Gruppe ausgeschlossen worden zu sein, unter anderem mit stärkerer Fear of Missing Out, problematischer Social-Media-Nutzung und mehr internalisierenden Symptomen zusammen. Die Untersuchung ist explorativ und erlaubt keine Aussage darüber, was Ursache und was Folge ist.
Online dazugehören und online ausgeschlossen werden sind deshalb keine Nebenschauplätze des sozialen Lebens.
Sie können Teil davon sein.
Online ist nicht automatisch Gemeinschaft
Gleichzeitig sollten wir Zugehörigkeit nicht mit digitaler Vernetzung verwechseln.
Viele Follower zu haben bedeutet nicht automatisch, sich verbunden zu fühlen.
In zehn Gruppenchats zu sein bedeutet nicht automatisch, Unterstützung zu erleben.
Und ständig erreichbar zu sein bedeutet nicht automatisch, jemandem nah zu sein.
Ein aktueller systematischer Review zu Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren zeigt gerade, dass Struktur, Funktion und Qualität digitaler sozialer Beziehungen berücksichtigt werden müssen, wenn wir ihren Zusammenhang mit psychischer Gesundheit verstehen wollen. Die Ergebnisse ergeben kein simples Muster, sondern weisen auf komplexe und teilweise wechselseitige Zusammenhänge hin.
Die Anzahl digitaler Kontakte erzählt deshalb nur einen kleinen Teil der Geschichte.
Wichtiger als die bloße Zahl der Kontakte ist auch die Frage:
Wie wird diese Verbindung erlebt?
Was bedeutet das für Pädagogik?
Wenn ein Kind sagt:
„Die haben eine Gruppe ohne mich.“
kann die Antwort nicht einfach sein:
„Das ist doch nur WhatsApp.“
Für die soziale Welt einer Klasse kann genau dieser Gruppenchat relevant sein.
Das bedeutet nicht, dass Erwachsene jeden Chat kontrollieren oder jede digitale Gruppendynamik lösen können. Aber digitale Beziehungen grundsätzlich als weniger bedeutsam abzuwerten, übersieht einen Teil der Lebenswelt junger Menschen.
Genauso wichtig ist die andere Seite.
Onlinecommunitys können jungen Menschen Räume eröffnen, in denen sie Interessen teilen, Unterstützung finden oder Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennenlernen. Forschung mit LGBTQ+ Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt beispielhaft, welche Bedeutung solche digitalen Möglichkeiten für Verbindung, Unterstützung und Identitätsentwicklung haben können.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger zwischen „echten“ und „digitalen“ Beziehungen unterscheiden.
Interessanter sind Fragen wie:
Wer erlebt hier Gemeinschaft?
Wer wird gehört?
Wer bleibt draußen?
Und welche Möglichkeiten gibt es, dazuzugehören, ohne genauso sein zu müssen wie alle anderen?
Denn egal ob auf dem Schulhof, im Gruppenchat oder im Game:
Zugehörigkeit entsteht nicht dadurch, dass alle gleich sind. Sondern dadurch, dass Menschen erleben können: Hier habe auch ich einen Platz.
Autorin
Maria Fatoumatta Bremer
Quellen & Weiterlesen
Prochnow, T., Senthil, R., Poulos, A., Patterson, M. S., Blake, J. & Massey, P. (2025). Virtual Bonds; Real Emotions: Systematic Review Exploring Online Social Connections and Adolescent Mental Health. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 28(10), 658–671.
Systematischer Review zu Struktur, Funktion und Qualität digitaler sozialer Beziehungen und ihrem Zusammenhang mit psychischer Gesundheit bei 10- bis 18-Jährigen.
Berger, M. N., Taba, M., Marino, J. L., Lim, M. S. C. & Skinner, S. R. (2022). Social Media Use and Health and Well-being of Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, and Queer Youth: Systematic Review. Journal of Medical Internet Research, 24(9), e38449.
Forschungsüberblick zu Chancen und Risiken sozialer Medien für LGBTQ+ Jugendliche und junge Erwachsene.
Timeo, S., Riva, P. & Paladino, M. P. (2020). Being liked or not being liked: A study on social-media exclusion in a preadolescent population. Journal of Adolescence, 80, 173–181.
Experimentelle Untersuchung zu sozialem Ausschluss über Likes und dessen unmittelbaren emotionalen Auswirkungen.
Lin, S., Longobardi, C., Fabris, M. A. & Settanni, M. (2025). Being kicked out of a WhatsApp group: Frequency and association with adolescents’ psychosocial well-being and School Achievement. Journal of Social and Personal Relationships, 42(1).
Untersuchung zu Ausschlusserfahrungen aus WhatsApp-Gruppen und psychosozialen Zusammenhängen bei Jugendlichen. Der Artikel erschien 2024 online und 2025 im regulären Zeitschriftenband.
Hat dir der Beitrag gefallen?