Digitale Welten
TikTok weiß es besser als Google?
Wie sich verändert, wo junge Menschen nach Antworten suchen

Shampoo-Tipps, Mathehilfe und Nachrichten kommen für junge Menschen längst nicht mehr nur aus Suchmaschinen. Was sich verändert, wenn Suchen und Scrollen immer stärker zusammenkommen – und was das für Medienkompetenz bedeutet.
Worum geht’s?
Welches Shampoo hilft bei Locken? Was bedeutet dieses Wort? Wie lerne ich für die nächste Mathearbeit? Was kann ich gegen Pickel machen? Und was ist eigentlich gerade in der Welt los?
Wer etwas wissen möchte, googelt.
Oder?
TikTok, YouTube und andere soziale Plattformen sind längst nicht mehr nur Orte für Unterhaltung. Sie werden auch genutzt, um Informationen zu suchen, Erfahrungen anderer zu finden oder sich schnell einen ersten Überblick über ein Thema zu verschaffen.
Aktuelle Daten aus Großbritannien zeigen dabei kein einfaches „TikTok ersetzt Google“. Klassische Suchmaschinen spielen bei Jugendlichen weiterhin eine große Rolle. Gleichzeitig nutzen junge Menschen auch Video- und Social-Media-Plattformen, um nach Informationen zu suchen.
Auch aktuelle US-Daten zeigen, dass Jugendliche auf TikTok mit ganz unterschiedlichen Informationen in Kontakt kommen – etwa mit Nachrichten oder Produktinformationen. Manches wird gezielt gesucht. Anderes begegnet ihnen einfach beim Scrollen.
Die spannendere Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht:
TikTok statt Google?
Sondern:
Was verändert sich, wenn Suchen und Scrollen immer stärker zusammenkommen?
Was erleben junge Menschen?
Eine Google-Suche und eine TikTok-Suche können sich ziemlich unterschiedlich anfühlen.
Bei einer klassischen Suchmaschine erscheinen zunächst Links, Überschriften und kurze Textausschnitte. Auf TikTok erklärt vielleicht direkt jemand vor der Kamera:
„Okay, ich zeig dir das kurz.“
Information kann dadurch persönlich, visuell und unmittelbar wirken. Erfahrungen anderer, Kommentare und Reaktionen sind häufig direkt daneben sichtbar.
Forschung zur Informationssuche auf TikTok zeigt, dass Nutzer*innen bei der Einschätzung gefundener Inhalte verschiedene Hinweise innerhalb der Plattform heranziehen – etwa das Video selbst, die Person dahinter oder Reaktionen anderer. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Bewertung von Glaubwürdigkeit auf TikTok nicht einfach genauso funktioniert wie bei einer klassischen Suchmaschine.
Und noch etwas ist anders:
Man muss nicht immer nach einer Information suchen, um sie zu finden.
Das zeigt sich besonders gut bei Gesundheitsthemen. In aktueller Forschung zu kurzen Onlinevideos beschrieben Jugendliche, dass ihnen Inhalte zu psychischer Gesundheit teilweise begegneten, ohne dass sie vorher gezielt danach gesucht hatten. Solche Begegnungen konnten wiederum dazu führen, dass sie sich anschließend weiter mit dem Thema beschäftigten.
Suchen und Entdecken können dadurch ineinander übergehen.
Was steckt dahinter?
Auf Social Media entscheiden nicht allein unsere Suchbegriffe darüber, welche Informationen wir sehen.
Empfehlungssysteme berücksichtigen unterschiedliche Signale – beispielsweise, mit welchen Inhalten Nutzer*innen interagieren und welche Inhalte für sie wahrscheinlich relevant erscheinen. Dadurch kann sich der eigene Feed zunehmend an bisherigen Interessen und Interaktionen orientieren.
Das kann ziemlich praktisch sein.
Wer sich für ein neues Hobby interessiert, findet vielleicht innerhalb kurzer Zeit Erklärungen, Erfahrungsberichte und ganze Communities dazu. Wer sich mit einem bestimmten Problem beschäftigt, bekommt möglicherweise weitere Inhalte zum selben Thema vorgeschlagen.
Aber hier liegt ein wichtiger Unterschied:
Was für mich relevant erscheint, muss nicht automatisch die zuverlässigste Information sein.
Ein Empfehlungssystem und eine redaktionelle oder wissenschaftliche Qualitätsprüfung verfolgen nicht dasselbe Ziel.
Gerade deshalb lohnt sich bei Social Media nicht nur die Frage:
„Stimmt diese Information?“
Sondern auch:
„Warum sehe ich eigentlich genau diese Information?“
Wem glaube ich eigentlich?
Glaubwürdigkeit kann auf Social Media viele Gesichter haben.
Jemand spricht selbstbewusst. Ein Video wurde millionenfach angesehen. In den Kommentaren stimmen viele Menschen zu. Eine Person erzählt von einer eigenen Erfahrung. Oder dieselbe Aussage taucht immer wieder im Feed auf.
Das alles kann Hinweise liefern – aber keiner davon garantiert für sich genommen, dass eine Behauptung stimmt.
Forschung mit TikTok-Nutzer*innen zeigt, dass Informationen häufig auch anhand von Elementen innerhalb der Plattform bewertet werden, etwa über Kommentare oder Eigenschaften des Videos. Externe Quellen werden dabei nicht zwangsläufig zusätzlich herangezogen. Diese Untersuchung wurde allerdings mit Erwachsenen durchgeführt und sagt deshalb nicht unmittelbar, wie Jugendliche TikTok-Informationen bewerten.
Gerade bei Themen wie Gesundheit, psychischer Gesundheit oder gesellschaftlichen Fragen wird diese Unterscheidung wichtig.
Denn auf derselben Plattform können persönliche Erfahrungen, professionelles Wissen, Werbung, Meinungen und falsche Informationen direkt nebeneinander auftauchen.
Eine persönliche Erfahrung kann dabei sehr wertvoll sein.
Sie ist nur nicht automatisch dasselbe wie eine verallgemeinerbare Information.
Was bedeutet das für Pädagogik?
Medienkompetenz bedeutete lange häufig auch:
Kann ich sinnvoll suchen und eine seriöse Website erkennen?
Diese Fähigkeiten bleiben wichtig.
Aber wenn Informationen über TikTok, YouTube, Instagram oder andere Feeds gefunden werden, kommen weitere Fragen dazu:
Warum sehe ich gerade diesen Inhalt?
Wer spricht hier eigentlich?
Woher kommt die Information?
Woran erkenne ich, was Erfahrung, Meinung, Werbung oder überprüfbare Aussage ist?
Und wo könnte ich nachsehen, wenn ich mir nicht sicher bin?
Das bedeutet nicht, dass TikTok grundsätzlich eine schlechte Informationsquelle und Google automatisch die gute ist.
Auch eine Suchmaschine nimmt uns die Bewertung von Informationen nicht ab.
Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie Informationen gefunden, präsentiert und ausgewählt werden – und welche Hinweise wir anschließend nutzen, um ihnen zu vertrauen.
Vielleicht lautet die entscheidende Medienkompetenz deshalb nicht mehr nur:
„Wie finde ich Informationen?“
Sondern zunehmend auch:
„Warum begegnet mir diese Information – und woran erkenne ich, ob ich ihr vertrauen kann?“
Autorin
Maria Fatoumatta Bremer
Quellen & Weiterlesen
Ofcom (2025). Children’s Media Literacy Report 2025.
Aktuelle britische Daten zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und zu den unterschiedlichen Wegen, über die sie online Informationen suchen.
Pew Research Center (2026). Teens’ Experiences on TikTok, Instagram and Snapchat.
Aktuelle US-Befragung zu den Erfahrungen Jugendlicher auf großen Social-Media-Plattformen, einschließlich ihrer Begegnung mit Nachrichten und Produktinformationen.
Diep, P. P. U. & Tran, H. D. (2025). Using TikTok as a Search Engine: Affordances, Perceived Credibility, and Evaluative Actions. Telematics and Informatics.
Untersuchung zur Informationssuche und Bewertung von Glaubwürdigkeit auf TikTok. Die Studie untersucht Erwachsene und wird hier entsprechend nur für allgemeine Mechanismen der TikTok-Nutzung herangezogen.
Oldeman, M. G. et al. (2026). TikToxic or TikDoc? A Thematic Analysis of Adolescents’ Use of Online Short Videos as a Mental Health Information and Support Source.
Qualitative Untersuchung dazu, wie Jugendliche gesundheitsbezogene Kurzvideos sowohl gezielt suchen als auch beiläufig entdecken.
TikTok. Informationen zur Funktionsweise des Empfehlungssystems.
Hier ausschließlich als Primärquelle dafür verwendet, wie die Plattform ihr eigenes Empfehlungssystem beschreibt – nicht als unabhängige Bewertung seiner Wirkungen.
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