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Gesellschaft & Diskriminierung

Wenn alle vom Urlaub erzählen

Über Ferien, Geld und die Frage, was eigentlich als normal gilt

Cover des Artikels Wenn alle vom Urlaub erzählen
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„Und, wo wart ihr in den Ferien?“ Für manche Kinder gibt es darauf sofort eine Geschichte. Andere waren vielleicht gar nicht weg – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine alltägliche Frage kann sichtbar machen, wie verschieden die Möglichkeiten von Familien sind. Und sie lädt dazu ein, darüber nachzudenken, welche Erfahrungen wir eigentlich als selbstverständlich voraussetzen.

Worum geht’s?

Erster Schultag nach den Ferien.

Ein Kind erzählt vom Meer. Jemand war bei Verwandten. Ein anderes berichtet vom Freizeitpark oder einer Flugreise.

Und dann sagt vielleicht jemand:

„Ich war zu Hause.“

Das kann vieles bedeuten.

Vielleicht waren die Ferien zu Hause richtig schön. Vielleicht wollte die Familie gar nicht verreisen. Vielleicht wurde gearbeitet, jemand musste betreut werden oder es gab andere Pläne.

Es kann aber auch sein, dass eine Reise finanziell nicht möglich war.

Genau deshalb ist die Frage nach dem Urlaub interessant: Nicht weil Kinder, die nicht verreisen, automatisch benachteiligt wären. Sondern weil sich an ihr zeigen lässt, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen materiellen Möglichkeiten aufwachsen.

Nicht alle Ferien sehen gleich aus

Wie unterschiedlich diese Möglichkeiten sein können, zeigen Daten zur materiellen Unterversorgung.

Eine Untersuchung auf Grundlage des deutschen Panels Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung betrachtete unter anderem Familien im damaligen SGB-II-Bezug. In den Daten von 2018 konnten rund zwei Drittel der dort untersuchten Kinder aus finanziellen Gründen keine einwöchige Familienreise im Jahr machen. Bei Kindern aus finanziell gesicherten Haushalten traf das deutlich seltener zu.

Diese Zahlen sind inzwischen einige Jahre alt und beziehen sich auf eine bestimmte Gruppe. Sie sagen deshalb nicht, wie viele Kinder heute aus finanziellen Gründen nicht verreisen.

Sie zeigen aber etwas Grundsätzlicheres:

Was für eine Familie selbstverständlich erscheint, kann für eine andere finanziell außer Reichweite liegen.

Das betrifft nicht nur Reisen.

Auch Freizeitaktivitäten, Kleidung, Technik, Hobbys oder gemeinsame Unternehmungen können von finanziellen Möglichkeiten abhängen.

Eine bundesweit repräsentative Befragung von Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren aus dem Jahr 2023 macht sichtbar, wie relevant solche Unterschiede im Alltag sein können. 46 Prozent gaben an, sich häufig oder manchmal Sorgen darüber zu machen, wie viel Geld ihre Familie hat. Rund die Hälfte berichtete, sich zumindest manchmal Dinge nicht leisten zu können, die Freundinnen gekauft hatten. Gleichzeitig bezeichneten neun von zehn Befragten Geld für Aktivitäten mit Freundinnen als wichtig.

Geld ist für junge Menschen damit nicht nur eine Frage des Besitzens.

Es kann auch beeinflussen, welche gemeinsamen Erfahrungen möglich sind.

Wenn aus „viele“ plötzlich „alle“ werden

Kinder beobachten, was andere Kinder machen.

Welche Schuhe getragen werden.

Welche Spiele gerade angesagt sind.

Wer welches Smartphone besitzt.

Was Geburtstage besonders macht.

Und eben auch, was andere in den Ferien erlebt haben.

Dabei kann etwas Interessantes passieren:

Was in einer bestimmten Gruppe häufig vorkommt, kann sich irgendwann so anfühlen, als wäre es normal.

Aus

„Viele aus meiner Klasse waren verreist“

wird schnell

„In den Ferien fährt man weg.“

Das klingt nach einem kleinen Unterschied.

Pädagogisch ist er ziemlich wichtig.

Denn „normal“ beschreibt nicht immer nur, was häufig vorkommt. Es kann gleichzeitig eine Erwartung erzeugen, an der andere Erfahrungen gemessen werden.

Das Problem ist dann nicht, dass ein Kind seine Ferien zu Hause verbracht hat.

Interessant wird vielmehr, welche Ferienerfahrungen in einer Gruppe als selbstverständlich gelten.

Zugehörigkeit kostet manchmal Geld

Dass materielle Möglichkeiten und soziale Teilhabe miteinander verbunden sein können, zeigen auch aktuelle Daten.

In der Befragung von 2023 nannten 32 Prozent der 10- bis 15-Jährigen Beziehungen zu Freund*innen und Gleichaltrigen als das Wichtigste für ein gutes Leben. Gemeinsame Aktivitäten spielten ebenfalls eine große Rolle. Gleichzeitig berichteten viele davon, dass Geld ihre Möglichkeiten begrenzen kann.

Das bedeutet nicht, dass Zugehörigkeit gekauft werden kann.

Freundschaft hängt nicht vom Einkommen der Eltern ab.

Aber manche Situationen, in denen Gemeinschaft entsteht, haben materielle Voraussetzungen: ins Schwimmbad gehen, gemeinsam etwas essen, einem Hobby nachgehen, einen Ausflug machen oder bei bestimmten Freizeitaktivitäten dabei sein.

Die Forschenden der aktuellen Studie beschreiben finanzielle Bedarfe deshalb ausdrücklich als einen Faktor für soziale und kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.

Das macht materielle Unterschiede für Pädagogik relevant – ohne Kinder auf die finanzielle Situation ihrer Familie zu reduzieren.

Es geht nicht darum, schöne Erfahrungen kleinzureden

Ein Kind darf begeistert von einer Reise erzählen.

Es darf Fotos zeigen.

Es darf vom Freizeitpark schwärmen oder davon, dass es zum ersten Mal geflogen ist.

Soziale Sensibilität bedeutet nicht, solche Erfahrungen weniger wertvoll zu machen.

Und einem Kind sollte genauso wenig vermittelt werden, dass es sich für die finanziellen Möglichkeiten seiner Familie rechtfertigen oder schämen müsste.

Interessanter ist etwas anderes:

Welche Geschichten bekommen Aufmerksamkeit?

Ein Kind war zwei Wochen am Meer.

Ein anderes hat mit seiner Cousine jeden Nachmittag Fußball gespielt.

Eins hat bei den Großeltern übernachtet.

Jemand hat ein Computerspiel durchgespielt.

Ein anderes fand die Ferien ziemlich langweilig.

Das sind sehr unterschiedliche Ferien.

Aber keine dieser Geschichten ist automatisch mehr Feriengeschichte als die andere.

Was bedeutet das für Pädagogik?

Die Konsequenz daraus kann nicht sein, nach den Ferien nie wieder über Urlaub zu sprechen.

Auch soziale Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass Erwachsene sie sprachlich umgehen.

Es lohnt sich aber, darauf zu achten, welche Annahmen in unseren Fragen stecken.

„Wo wart ihr im Urlaub?“

enthält bereits eine Erwartung: Es gab einen Urlaub – und wahrscheinlich einen Ort, an den man gefahren ist.

Eine offenere Frage könnte sein:

„Was habt ihr in den Ferien erlebt?“

Oder noch einfacher:

„Was möchtest du von deinen Ferien erzählen?“

Damit ist weiterhin Platz für die Reise nach Spanien.

Aber genauso für den Nachmittag auf dem Bolzplatz, die Übernachtung bei Oma, das neue Computerspiel – oder dafür, dass jemand gerade gar nichts erzählen möchte.

Es geht dabei nicht darum, eine Liste mit den pädagogisch perfekten Ferienfragen zu entwickeln.

Es geht um den Blick dahinter.

Kinder sollten ihre finanzielle Situation nicht offenlegen müssen, um an einem Gespräch teilnehmen zu können. Gleichzeitig dürfen materielle Unterschiede besprechbar sein, wenn sie relevant werden.

Denn Chancengerechtigkeit entsteht nicht dadurch, dass wir so tun, als hätten alle dieselben Möglichkeiten.

Sie beginnt auch damit, wahrzunehmen, dass unterschiedliche Möglichkeiten nichts über den Wert der Erfahrungen eines Kindes aussagen.

Vielleicht ist nach den Ferien deshalb nicht die wichtigste Frage:

„Wo warst du?“

Sondern:

„Was möchtest du erzählen?“

Autorin

Maria Fatoumatta Bremer

Quellen & Weiterlesen

  1. Steinhauer, R., Rüther, E., Moldenhauer, S. & Stolz, H.-J. (2025): Bedarfe von Kindern und Jugendlichen für ein gelingendes Aufwachsen. Bundesweite repräsentative Befragung von 1.037 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren sowie ergänzende qualitative Gruppendiskussionen mit Grundschulkindern.

    Besonders relevant für diesen Artikel sind die Ergebnisse zu finanziellen Bedarfen, Freundschaften und sozialer Teilhabe.

  2. Lietzmann, T. & Wenzig, C. (2020): Materielle Unterversorgung von Kindern. Auswertung des Panels Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung (PASS).

    Die Untersuchung betrachtet konkrete materielle und soziale Möglichkeiten von Kindern in Haushalten mit Grundsicherungsbezug im Vergleich zu finanziell gesicherten Haushalten. Die Daten zu Familienurlaub stammen aus den Erhebungswellen 2013 und 2018 und sollten deshalb als zeitgebundener Befund gelesen werden.

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